Sekten - Jungendsekten - Jugendreligionen

Fragen und Antworten zu Sekten

Die Geschichte der Sekten ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. In der nicht-christlichen Antike wurden gewisse philosophische oder religiöse Gruppierungen wertfrei als Sekten. Die ersten Christen wurden in diesem wertfreien Sinne als „Sekte der Nazarener“ betitelt, eine Richtung des Judentums. Und auch das Kloster und deren Bewohner, die Mönche und Nonnen, kann man in diesem Sinne eingruppieren.

Paulus benutzte das Wort "hairesis" (Streben, spätantik: philosophische Schule, Sekte) in seinen Briefen für Spaltungen innerhalb der Gemeinde (z.B. 1. Korinther 11,19). Diese Spaltungen wurden von ihm negativ bewertet. Er zog jedoch keine bestimmte Richtung unter ihnen vor.
In der Alten Kirche wurde der Begriff "hairesis" immer öfter für Abweichungen von der gemeinsamen Lehre der miteinander in Kommunion stehenden christlichen Gemeinden benutzt. Schließlich hatte er im vierten Jahrhundert kirchlich die Bedeutung „Irrlehre“.
Die lateinische Kirche des Mittelalters übernahm diese Bezeichnung als secta, Sekte. Beispielsweise bezeichnete man die Protestanten als secta lutherana und auch im deutschen Sprachgebrauch titelte die katholische Kirche bis ins 20. Jahrhundert in manchen Texten „Sekte“, wenn sie die evangelischen Kirchen meinte.

Das Wort Sekte hat jedoch heute einen Bedeutungswandel erfahren.

Wir möchten hier einen Überblick über die möglichen Gefahren aufzeigen, die von einer Sekte ausgehen können und die wichtigsten Fragen und Punkte dabei darstellen.

Einen Weg, den Gefahren von Jugendsekten zu begegnen, hat die katholische Kirche etwa im Weltjugendtag gefunden, bei dem Jugendliche aus aller Welt ein friedliches Fest feiern und an die christliche Kirche gebunden werden sollen. Hinweis: der WJT 2011 findet in Madrid statt: www.world-youth-day.org/weltjugendtag-2011-madrid.html

Was ist eine Sekte?

Das Wort Sekte leitet sich vom lateinischen Wort secta „Denkschule, Partei, Gefolgschaft“, zu sequi „folgen ab und bedeutet "Schule", "Lehrmeinung", "Auftrag", "Richtlinie". Ursprünglich bezeichnete man mit dem Begriff Sekte eine Gruppe, die sich von einer Großkirche abgespalten hat. Die Bedeutung des Wortes Sekte hat sich in den letzen Jahren jedoch stark gewandelt. Spricht man heute von Sekten, so meint man damit Weltanschauungsgruppen von zweifelhaftem Ruf. Die Sekten in diesem Sinne haben sich nicht von Großkirchen abgetrennt, es sind Mischreligionen oder sie haben eine eigene Religion oder Weltanschauung geschaffen. Sekten in diesem Sinn sind religiöse Gruppen, die in irgendeiner Weise als gefährlich oder problematisch gelten, oder die in theologischer Hinsicht als „Irrlehre“ angesehen werden.
Als Sekte werden sowohl ältere christliche Gruppen, die sich in der Lehre und/ oder Praxis vom Herkömmlichen unterscheiden als auch neue Gruppen bezeichnet, insbesondere solche, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind und als "Jugendsekten" bezeichnet werden, weil sie anfänglich viele junge Mitglieder hatten. Aber auch mehrere Gruppen innerhalb der katholischen Kirche werden von Kritikern und im besonderen von ehemaligen Mitgliedern als Sekte bezeichnet.
Meyers Enzyklopädisches Lexikon von 1977 erläutert: „Mit dem Wort ‚Secte‘ wird heute weitgehend die Vorstellung von etwas Abartigem, Gefährlichem, Widersetzlichem signalisiert.“

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bezeichnete man Sekten als Neureligionen oder Jugendreligionen. Dies war die Zeit, in der die Sekten entstanden sind. Da heute nicht mehr nur Jugendliche angesprochen werden, sind diese Bezeichnungen überholt. Es gibt den Begriff "destruktiver Kult", amerikanisch "Doomsday-Kult". Doomsday bedeutet Endzeit. Dadurch soll auf die zerstörerische Haltung und die Weltuntergangsideologie hingewiesen werden. Ein anderer Begriff ist "Life and environment controlling groups" - Leben und Lebensumstände kontrollierende Gruppen. Dies lässt sich aber auch auf die Großkirchen beziehen, die z.B. auch das Leben ihrer Mitglieder Kontrollieren, indem sie z.B. Regeln für die Sexualität aufstellen. Also dient diese Bezeichnung nicht unbedingt der Abgrenzung der Sekten. Es gibt auch den Begriff "Psychokulte"; dieser hat jedoch ein ähnliches Problem, denn jede Weltanschauung betrifft die Psyche des Menschen.

Eine Sekte ist eine totalitäre Weltanschauungsgruppe, wobei die Betonung auf totalitär liegt - so eine weit verbreitete Auffassung. Die Weltanschauung unterliegt der Religionsfreiheit; ein Totalitarismus jedoch nicht. Die Gruppe ist totalitär, wenn sie das Leben ihrer Mitglieder umfassend beherrscht oder beherrschen will.
Es muss dabei nicht neues religiöses Gedankengut verbreitet werden. Der Begriff Sekte im obigen Sinn trifft auch auf die Fundamentalisten der Weltreligionen zu.

Staatliche Organe der Bundesrepublik Deutschland verzichten auf die Verwendung des Begriffs Sekten.
Die Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ gab den folgenden Grund an:
„Wie häufig der Begriff ‚Sekte‘ auch umgangssprachlich verwendet werden mag, ist er doch sachlich unzutreffend und irreführend. … Er kommt von lateinisch sequi, folgen, und ist die Übersetzung von griechisch hairesis, Wahl, Gefolgschaft. Mit ihm wurden in der Antike zunächst diejenigen bezeichnet, die einem bestimmten Philosophen in seinen Anschauungen folgten. In der Geschichte des Christentums wurden damit die Gruppen bezeichnet, die außerhalb der allgemeinen Kirche einem bestimmten Glaubensführer und für abweichend erklärten Glaubenslehren oder Praktiken anhingen. Im Mittelalter (vgl. z. B. die Konstitution Ad Deus des Kaisers Friedrich II. von 1220) wurde das ‚widerspenstige Anhängen‘ an eine ‚Sekte‘ in Acht getan und mit dem Tode bestraft (vergleiche z. B. die Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507, Artikel 30). Dadurch wurde aus einem religiösen Abweichen ein kriminelles Delikt, wie der protestantische Theologe Paul Tillich schrieb: Wer gegen das kanonisierte Dogma verstößt, (ist) nicht nur ein Häretiker, der den Grundlehren der Kirche widerspricht, sondern auch ein Verbrecher gegen den Staat. … Mit der Erklärung der Religionsfreiheit in den europäischen Staaten wurden solche Auffassungen und Einrichtungen abgeschafft.
Das Grundgesetz kennt nur
Religionen
Religionsgesellschaften
Religionsgemeinschaften;
staatsrechtlich gibt es in dieser Beziehung keinen Unterschied zwischen Kirche und anderen religiösen Organisationsformen. Da außerdem der Begriff der 'Sekte' kaum von allem ihm durch die kirchliche Verlästerung angehängtem Beigeschmack, wie Max Weber forderte, gelöst werden kann, ist er äußerst fragwürdig geworden.“

Warum suchen Jungendliche Zuflucht bei Sekten?

Gerade Jugendliche werden von den Idiologien, die Sekten verbreiten, angezogen. Die Sekten bieten "Rezepte" gegen Krieg, Armut, Umweltverschutzung, Gewalt und Arbeitslosigkeit. Junge Menschen stecken voller Idealismus, sie erkennen, dass viele Dinge in der Welt arg und ungerecht sind, ihnen ist bewußt, das gehandelt werden muss. Die Jugendlichen sehen in den Sekten einen Weg, um Missstände zu beheben, erkennen aber nicht, dass diese Ideologien nur vorgeschoben und vordergründig sind, die wahren Ziele der Sekten und deren Heilsverkündern anders aussehen.
Sekten scheinen aber auch eine Hilfestellung und Antworten auf die Frage zu geben, was ist gut und was ist böse in der Welt. Die Welt ist kompliziert, es gibt viele Wertvorstellungen, viele Glaubensrichtungen und Meinungen. Die Sekten bieten eine Antwort: "Unsere Ideologie ist die einzig wahre, unser Guru hat die Wahrheit gefunden. Ihr, unsere Anhänger, braucht nicht weiter nachzudenken, sondern müßt uns nur folgen."
Sekten prophezeien oft den Weltuntergang und sprechen die Angst der Menschen hiervor an. Geschickt schüren sie Vorstellungen von Katastrophen, malen düstere Visionen und ziehen skurille Parallelen zu Naturerscheinungen. Es ist die Angst der Menschen vor der komplizierten modernen Gesellschaft, vor neuen Entwicklungen, neuen Krankheiten, die sich in den Bildern vom Weltuntergang widerspiegeln: viele Menschen sehen ihre persönliche kleine Welt untergehen; sie sind empfänglich für die Weltuntergangsliteratur, weil die "Guten" dort immer gerettet und die "Bösen" zugrunde gehen.

Wie werben die Heilsverkünder der Sekten?

Manche Sektenwerber stehen in der Fußgängerzone und verteilen Heftchen an Passanten. Dies ist eine offene Form der Werbung, die es heute beinahne gar nicht mehr gibt. Die Werbemethoden sind subtiler, verdeckter geworden. Es ist die persönliche Ansprache in Jugendclubs, auf nach außen neutralen Veranstaltungen oder im Freundeskreis. Im Bereich der Esoterik und Lebenshilfe sind die Sektenwerber ebenfalls sehr aktiv: z.B. auf Partnerschafts- oder Persönlichkeitsseminaren, auf Gesundheitskursen oder in Yoga-Gruppen.
Neue Mitglieder werden nicht mehr wie früher vollkommen vereinnahmt, sondern unterschwellig und langsam in den eigenen Bannkreis gezogen. Gerade durch das Angebot von Dienstleistungen, wie etwa Kursen zur Lebenshilfe, oder durch den Verkauf von Waren, etwa esoterische Bücher oder Bio-produkte, werden Klienten und Käufer gesucht. Dadurch sichern sich die Sekten oder Gruppen einen Platz in der Gesellschaft

Wie erkennt man nun aber, ob das Seminar, das man besuchen möchte, von einer Sektenideologie getragen wird oder nicht? Sekten sind totalitäre Gruppen. Sie beanspruchen für sich allein die Wahrheit zu kennen uns zu vertreten, alle anderen liegen einen kompletten Irrtum auf. Die Führung der Gruppe wird als unfehlbar hingestellt und sie verlangt einen absoluten Gehorsam. Außer der Gruppe erlaubt dieselbe nichts und niemandem Platz im Leben des Einzelnen. Es werden keine Widersprüche geduldet; Anordnungen sollen bedingungslos befolgt werden.
Erkennt man, dass man es mit einer Sekte zu tun hat, gibt es nur eine Konsequenz: den Kontakt sofort und vollständig abbrechen! Man kann mit Sektenwerbern und Sektenmitgliedern nicht diskutieren, denn sie sind geschult. Sie sind bessere Vertreter als der Staubsaugerverkäufer an der Haustür. Durch ihre Strategie fangen sie jeden Diskussionsversuch ab und ziehen ihr "Opfer" immer weiter zu sich herüber.

Geimeinsamkeiten und Unterschiede von Sekten und anerkannten Großkirchen

Sekten sind bisher in Deutschland nicht verboten worden, weil sie die Religionsfreiheit für sich bean-spruchen, die im Grundgesetz verankert ist. Die Religionsfreiheit gilt für die großen Kirchen ebenso wie für kleine Kirchen, Gruppen oder den Einzelnen.

Sekten berufen sich auf diese Religonsfreiheit, die Ausdruck der Toleranz und des menschlichen Miteinan-ders ist.
Sie selbst allerdings gewähren diese Toleranz nicht. Andersdenkende und Kritiker werden verdammt oder auch verfolgt, der Kontakt zu ihnen ist Gruppenmitgliedern verboten, es sei denn, der Kontakt dient der Missionierung.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den großen Kirchen und den Sekten?
Es gibt bei beiden Rituale und Gebote, ein Oberhaupt, hier wie dort wird dem Oberhaupt Unfehlbarkeit zuerkannt, es gibt Propheten und einen Erlöser, es gibt Missionsbestrebungen, d.h. Anders- und Ungläubige sollen zum eigenen Glauben bekehrt werden, sie stehen der Gemeinschaft gegenüber.

Eine gefährliche, totalitäre Organisation verrät sich durch folgende Kriterien:

  • Geldbeschaffung und Dienst für die Gruppe haben absolute Priorität
  • Das Leben ist auf einen Guru, Propheten oder Führer ausgerichtet. Seine Lehre ist unumstößliches Gesetz oder die Stimme Gottes. Kritik ist absolut verboten. Auch ein Anzweifeln der Lehre ist undenkbar. Kritiker werden bestraft und auch noch nach ihrem Sektenaustritt verfolgt. - Das eigene Gewissen zählt nicht. Es wird eine "Gehirnwäsche" hin zu einer "Bewusstseinskontrolle" durchgeführt. Dadurch findet quasi eine Entmündigung und vollkommen Unterwerfung unter die Gruppe und den Anführer statt.
    Das Privatleben ist vollkommen reglementiert, vor allem Sexualität, Nahrungsaufnahme und Urlaub.

Woran erkennt man, dass von einer Gruppe eine Gefahr ausgeht?

Eine Gruppe ist gefährlich, wenn

  • blinder Gehorsam eingefordert wird.
  • Kritik, sei sie auch noch so gering, und eigenes Denken verboten ist.
  • lebensnotwendige Bedürfniss beschnitten und missachtet werden.
  • ein Leiter oder eine Gruppe von Leitern vorhanden ist, denen unfehlbare Autorität zugewiesen ist.
  • Gruppenmitglieder werden angehalten, ihr ganzes Besitztum der Gruppe oder dem Leiter zu übertragen, oder es wird viel Geld für Kurse, Workshops usw. verlangt.
  • Gruppenmitglieder werden von ihren sonstigen Mitmenschen isoliert, leben z.B. in WGs oder in entlegenen Gegenden.
  • Nichtmitglieder gelten als Feinde, als moralisch und geistig tief stehend, nicht erleuchtet.
  • falsche Informationen gegeben werden (sog. himmlische Täuschung) oder man zu Anfang noch nicht alles verstehen kann, weil man noch keinen höheren Rang hat, oder die Lehren geheim-gehalten werden und nur Mitgliedern offenbart werden.
  • das bisherige Leben des neuen Mitglieds als Misserfolg angesehen wird, selbst wenn man selbst den Eindruck hat, dass dies nicht so sei.
  • das Gruppenleben als vollkommen oder erleuchtet angesehen wird, selbst wenn man denn Eindruck hat, dass das nicht so ist.
  • Unterscheidungsmerkmale zur "schlechten" Außenwelt gepflegt werden: bestimmte Kennzeichen, etwa Anstecknadeln, Verbot von Schmuck oder besonderer Sprachstil mit neuen, unverständlichen Worten.
  • schlimme Folgen (Strafen) für den Fall des Verlassens der Gruppe angedroht werden.

Das typische Sektenmitglied

Das typische Sektenmitglied ist jung, erfolgreich und intelligent. Vor allem ist er nicht psychisch krank und im Leben gescheitert. Mitglieder sollen Geld verdienen, die Gruppe stärken und neue Mitglieder werben. Hierzu braucht man intelligente und leistungsstarke Menschen. Deshalb locken die totalitären Gruppen auch diese Zielgruppe mit ihren Versprechungen: Reichtum, Gesundheit, Macht, Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung.

Die Gurus der 1960er und 1970er Jahre sind zu Managertypen geworden. Sie finden sich in Parteien, humanitären Verbänden, Studentenorganisationen oder Konzernen oder sind Therapeuten. Die Mitglieder und Werber sind bestens darauf trainiert, Vertrauen zu erwecken, Interesse zu zeigen, höflich und freundlich zu sein.

Wer ist anfällig für die Ideologien der Sekten?

Das typische Sektenopfer gibt es nicht! Prinzipiell sind alle Menschen "fangbar". Es kommt auf die Lebensumstände und die Gruppe an: wird für die spezielle Lebenssituation, in der sich der Mensch befindet, ein "gutes" Angebot gemacht?
Menschen, die sich gerade in einer tiefen seelischen Krise oder in einer Umbruchsituation befinden, sind besonders gefährdet. Beispiele: Schulabschluss / Beginn der Arbeit, Verlust von Freunden, Elternteil.
Es sind die unerfüllten Wünsche, die die Sekten ansprechen, die Wünsche nach Geborgenheit, Zuwendung, Lebenssinn.
Da die typische Sektenwerbung in den heutigen Tagen über Vertrauenspersonen geschieht, fällt es schwer, hier ein gesundes Misstrauen zu zulassen. Vertrauenspersonen können sein: gute Freunde, Ärzte, Therapeuten, Lehrer. Und es wird an vertrauten Orten geworben: in der Schule, in Sprechzimmern, in Vortragssälen.

Das typische Schema einer Sektenanbindung

Das Schema, das hier aufgezeigt wird, wurde von Pfarrer Friedrich Wilhelm Haack definiert.

1. Erwecken von Faszination
Die Gruppenmitglieder erwecken bei dem umworbenen "Opfer" einen äußerst positiven Eindruck vom Leben in der Gruppe. Alle scheinen überglücklich zu sein. Es werde oft auch Mädchen eingesetzt, um Jungen zu werben und umgekehrt. Mittels Flirt und sogar mehr wird auf "Kundenfang" gegangen.

2. Zerstörung der persönlichen Sicherheit
Die persönliche Vergangenheit des "Opfers" wird von der Gegenwart abgetrennt, sie gilt als schlecht, als Teil des alten sündigen Systems. Sämtliche Bindungen werden gebrochen: zur Familie, zu Freunden. Auch berufliche Bindungen werden zerstört. Das alte Leben wird weggeworfen - das neu geworbene Mitglied merkt nicht, dass es dadurch auch einen Teil seiner Persönlichkeit zerstört. Das neue Mitglied empfindet das als Befreiung - in gewisser Hinsicht verständlich, wenn man sich auf einmal um seine Arbeit oder seine Beziehung nicht mehr zu kümmern braucht und auf einmal "Auserwählter" ist. Diese Befreiung wird als Heilserlebnis eingeordnet.
Oftmals haben Sekten eine eigene Sprachform entwickelt. Auch dadurch werden neu angeworbene von ihrer bisherigen Umgebung getrennt. Entweder existiert ein eigener Wortschatz oder es werden nur bestimmte Argumente, etwa aus Bibelversen, zugelassen. Beliebt ist auch folgende "Argumentationsweise": Das kann man nicht erklären, das muss man einfach erlebt haben. Oder: Es ist allgemein bekannt, dass ... Es ist bewiesen, dass ..., Jeder vernünftige Mensch weiß doch, dass...

3. Aufbau einer neuen Identität
Die Gruppe baut eine neue Identität mittels absoluter Gehorsamspflicht und andauernder Indoktrination, also massiver Beeinflussung mit psychologischen Mitteln, auf. Es erfolgt eine sog. Psychomutation (Seelenwäsche), also eine seelische Veränderung durch Druckmittel wie einseitige Ernährung, Schlafentzug, "Dauerbeschuss" mit der Sektenlehre. Durch pausenlose Belehrungen ist es nicht mehr möglich einen klaren Gedanken zu fassen. Man stumpft ab.
Nach der Psychomutation ist das Leben des neuen Mitglieds völlig neu eingerichtet und nach völlig neuen und ihm bisher unbekannten Grundsätzen geordnet. Das Neumitglied sieht die Umwelt aus neuem Blickwinkel als feindselige Welt, die es zu bekämpfen gilt. Die Urteilsfähigkeit wird beiseite gelegt, der Lehrer oder das System denkt und urteilt nun für das Neumitglied. Absoluter Gehorsam ohne Nachdenken steht im Vordergrund, neue Verhaltensweisen, die früher als unmoralisch abgelehnt worden waren, werden nun akzeptiert, etwa Täuschungen oder Lügen. Zu dem Gruppenleiter besteht eine völlige Abhängigkeit; er ist über jede Kritik erhaben und wird verteidigt. Das Neumitglied fühlt sich jetzt nur noch innerhalb der Gruppe wohl.

Warum verlassen die Mitlieder die Sekte nicht wieder?

Viele Menschen erkennen nach einiger Zeit, dass sie betrogen worden sind. Die Frage, die sich aufdrängt ist, warum sie dann die Gruppe nicht sofort wieder verlassen. Aber das ist aus folgenden Gründen nicht einfach:
Die Neumitglieder haben ihr gesamtes Geld in ihr neues Leben investiert, ihr Vermögen der Gruppe überschrieben, ihre Arbeitsstelle aufgegeben und sich von Verwandten und Freunden losgesagt, also auch Zeit und viel Mühe geopfert. In der Bilanz wäre das durch einen Austritt alles verloren.
Weiter: Der Irrtum, dem man aufgesessen ist, müsste öffentlich zugestanden werden, und zwar gerade auch gegenüber den Menschen, die man als Unwissende, Unerleuchtete von oben herab behandelt hat. Hat man nun nicht Zorn oder Spott zu erwarten?
Und: die neuen Mitglieder sind so von den Lehren der Sekten durchdrungen, dass ihnen alles außerhalb der Gruppe als gefahr- und leidvoll erscheint.
Und: der Grund, warum man in die Sekte eingetreten ist, also der Wunsch nach Antworten und einer klaren Linie, nach Normen und Werten innerhalb der "chaotischen" Welt besteht fort, man müsste nun mit der Suche noch einmal neu anfangen. Die Problem, denen man durch den Eintritt in die Sekte ausgewichen ist, bauen sich sofort neu vor einem auf, sogar größer und bedrohlicher, als zuvor, da man nun auch durch das Leben in der Sekte verwirrt und erschöpft ist.
Schließlich: Es besteht die Angst vor Sanktionen und Strafen, vor Ignoranz und Psychoterror in Form von Drohungen, Appellen an die Moral und das Ehrgefühl.

Die Rückkehr in ein normales Leben, in die normale Welt erscheint dem Sektenmitglied aus diesen Gründen absolut unmöglich, sie haben eine beinahe unüberwindliche Angst hiervor.

Die Sekte als Droge

Wie bei einer Droge kann man auch süchtig nach der Sekte, abhängig von ihr werden. Auch der Einstieg in eine Sekte kann mit dem Einstieg in einen Drogenkonsum verglichen werden. Ein "überirdisches Glücks-erlebnis" steht am Anfang: alle Probleme scheinen gelöst. Der Einsteiger fühlt sich im selben Moment begeistert, fasziniert, überzeugt und verwirrt: er hat den Zugang zum unendlichen Heil entdeckt.
Das Glücksgefühl beim Sekteneintritt ist weder ein Wunder noch ein Zufall, sondern das Ergebnis einer psychologischen Manipulation. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte Love-Bombing, eine Technik mit deren Hilfe der Neuling mit Liebe und Zuneigung überhäuft wird.
Das Glückserlebnis wird durch die Gruppenführer präzise vorbereitet: die Gruppenmitglieder erzählen dem Neuling, wir ihr Leben durch den Beitritt in die Gruppe eine phantastische Wende zum Guten genommen hat. Das auf den Neuankömmling zukommende "Heilserlebnis" wird immer wieder thematisiert, ist immer wieder Gegenstand von Gesprächen, von Vorlesungen und Liedern. Oft ist es dann in einer Gruppenveranstaltung, in der das erleuchtende Erlebnis herbeigeführt wird - mit den Mitteln der Massensuggestion: mitreißende Reden und Predigten, aufreißende Musik, ein Wiederholen der Bekenntnisse - bis die Massenhysterie einsetzt. Oder leise und geheimnisvolle Töne, Duft von Räucherstäbchen, indische Meditationsmusik, Versunkenheit - bis die Ekstase einsetzt. Sinn und Zweck der Übungen: das neue Sektenmitglied soll von dem Glücksgefühl abhängig werden. Die Sekte wird zum Dealer dieses ekstatischen Glücks.
Dieses Glücksgefühl dauert jedoch nur kurz an. Es folgen Zeiten der Arbeit, des Verdrusses, der Langeweile. Dem Mitglied wird suggeriert, es sei schlecht und sündhaft. Die Folge: es versucht durch Disziplin, Gefolgschaft und Unterwürfigkeit wieder aufzusteigen in den Kreis der Würdigen, in den Kreis derer, die ein neues Glückserlebnis verdienen. Und irgendwann darf es dann wieder an dem beigesehnten Glück teilhaben. Danach jedoch wird es wieder hinabgestoßen und fühlt sich schlecht und sündhaft. In dieser Zeit kreisen seine Gedanken ständig darum, wie es das nächste Glücksgefühl erlangen kann. Ähnlich geht es einem Drogensüchtigen. Auch bei ihm kreisen die Gedanken ständig darum, wie er sich den nächsten "Kick" beschaffen kann, er ist bereit alles dafür zu tun.

Der Sektenführer

Für seine Anhänger ist der Sektenführer ein Heiliger, ein Messias, ein Übermensch. Aber auch er selbst sieht sich so, als Begnadeter, als Erleuchteter. Ihr Leben ist seit ihrer Geburt von Wundern über Wunder begleitet - so berichten sie über sich selbst. Sie sehen sich als allwissend, als alleskönnend und als allmächtig. Sie sehen sich als die Stimme Gottes.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Schul- und Studienabbrüche, misslungene politische Aktivitäten, gescheiterte Beziehungen werden durch Phantasien und einem übersteigertem Selbstbewusstsein überdeckt. Der Sektenführer versteht es aber oft, sich als Erbe einer großen Idee oder eines großen Religionsführers zu präsentieren. Er ist dem Gruppenmitglied gegenüber allgegenwärtig, was zu einer starken Bindung zwischen Gruppenmitgliedern und Sektenführer führt, die oft bereit sind, alles für ihn zu tun.

Hinweise für Eltern

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind Opfer einer Sekte geworden ist?

Eltern erleben ihr Kind als einen fremden Menschen, wenn es in die Abhängigkeit einer Sekte geraten ist. Das Kind ist wesensverändert: Es hat eine Autoritätsgläubigkeit und einen Konservatismus entwickelt: Gehorsam, Unterwürfigkeit und Disziplin beherrschen sein Denken und Handeln. Es trägt ein repressives Menschenbild mit einer strengen oder verlogenen Moral zur Schau. Das Kind hat nun ein Weltbild, das von Magie, Göttern, Teufeln und Wundern geprägt ist. Es wird ein Elitebewusstsein ("Ich gehöre zu den Auserwählten") entwickelt, das sich mit einem Außenseiterbewusstsein abwechselt. Ein konservatives Frauenbild und eine Körperfeindlichkeit sind erkennbar; das ist die Ablehnung oder aber übertriebene sportliche Betätigung, eine Sexualfeindlichkeit, wozu auch ein wahlloser Partnertausch gehört. Die Erziehung innerhalb der Sekte erfolgt durch Demütigung und Abweisung sowie evtl. durch Schläge. Das Kind hat keine Zeit und kein Geld mehr, es gibt sich fremdbestimmt. Ganz schlimm ist es, wenn sich Wahnideen, reaktive Psychosen, Depressionen oder Vernichtungs- und Errettungsphantasien bilden.

Eltern erleben ein Abblocken jeder vernünftigen Argumentation. Alle Diskussionen und Versuche werden im Keim erstickt. Wut und Verzweifelung ist die Reaktion, die sich bei den Eltern ausbreitet.
Dennoch, die Situation ist nicht hoffnungslos. Laut Statistik verlassen etwa die Hälfte der neuen Mitglieder die totalitäre Gruppe nach einigen Monaten wieder. Aber auch nach Jahren kommen Ausstiege zustande.
Wichtig ist vor allem: den Kontakt so lange zu halten, wie es geht, versuchen, ihn zu festigen, etwa durch kleine Geschenke. Denn das signalisiert dem Sektenmitglied, dass es auch außerhalb der Gruppe noch jemanden gibt, der sich für es interessiert. Die Vergangenheit vor dem Sekteneintritt ist nicht einfach weg, sie ist im Unterbewusstsein auf ewig gespeichert. Die Erinnerungen hieran können in Zeiten der Krise an die Oberfläche gelangen und die Motivation für eine Umkehr bilden.

Ganz wichtig: Eltern sollten nie aufgeben und sich bewusst machen, dass sie nicht allein mit ihrem Problem sind. Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten sind von dem Sektenproblem betroffen. Eltern können sich einer Elterninitiative anschließen oder eine gründen. Eltern sollten Buch führen, die Namen und Kontaktdaten von Personen notieren, die mit der Sekte in Zusammenhang stehen. Es sollten auch alle Vorkommnisse in zeitlicher Reihenfolge aufgeschrieben werden. Es sollten Informationen über die Gruppe aus den Medien oder allen erreichbaren Quellen gesammelt und festgehalten werden. Wenn das Kind mit den Eltern in Kontakt tritt, sollten die Eltern fest auftreten, aber keinesfalls dem Kind Vorwürfe machen. Die Eltern sollten deutlich machen, dass sie gegen die Sekte sind, aber nicht gegen ihr Kind. Man sollte als Eltern keine Drohungen aussprechen, sondern sich jederzeit gesprächsbereit zeigen.
Eltern sollten sich nicht auf die Gruppe einlassen, also nicht auf Einladungen zu Veranstaltungen oder Wochenendseminaren eingehen. Keinesfalls sollten Eltern Geldgeschenke an ihr Kind machen, da dies immer der Gruppe zugute kommt.

Wenn der Absprung aus der Gruppe gelungen ist, dann steht das ehemalige Sektenmitglied oftmals mittellos, ohne Ausbildung und obdachlos da. Es ist nicht in der Lage, den Alltag zu bewältigen. Hier ist eine Unterstützung durch die Eltern äußerst wichtig. Manchmal ist nach einem Sektenausstieg eine psychologische Betreuung des Kindes notwendig. Hier ist es sehr wichtig den richtigen Ansprechpartner zu finden. Hüten sollte man sich vor Therapien aus dem Bereich der Lebenshilfe, etwa bei Intensivwochenenden oder Seminaren. Man sollte sich zuvor über die Ausbildung des Therapeuten, über die Basis der Therapie und über die Kosten erkundigen.