ch habe Toastbrot mit Nutella als Pausenbrot. Ich habe kein Geld um beim Kiosk Raider zu kaufen. Bei Karstadt probier ich die neuen Spiele aus. Wenn die nicht gucken, kann man da unten im Supermarkt Brummer klauen. Die zünden wir dann an, unten am Fluss. Da rauche ich meine erste Zigarette. Ich probiere von dem Klaren, der im Wohnzimmer hinter der Glastür der Schrankwand steht.
Gib ma Jacke, laß ma anprobieren. Ich kenn meine Jungs. Wir kennen alle hier im Viertel. Alle kennen uns. Mit Shetin hat mein Bruder Fußball gespielt, deshalb tut er mir nix. Shetin ist vierzehn und geht noch in die sechste Klasse. Er hat keine echten Zähne mehr, weil er die nicht geputzt hat. Tim spielt Eishockey. Wenn er Dir einen Body gibt, kann das richtig wehtun, wenn Du nicht anspannst. Dafür ist er nicht so schnell.
Hast Du Feuer? Gib ma Ziese, Alter. Ich höre 2 Live Crew, Anarchist Academy. Mit vierzehn zum ersten Mal auffem Jam, ich darf bis zwölf raus. No Remorze spielt, die Beginner, damals noch zu viert. Müller hat jetzt ne Gasknarre. Meine Hosen sitzen tiefer. Ich habe aufgehört mit Fußball, mach jetzt Karate.
Mein Tisch hat eine Kunststoffplatte, die wie Holz gemustert ist. Später hat er überall Kratzer. Die Zigaretten kann man im Sofa verstecken, da, wo der Stoffbezug aufgerissen ist. Zu Weihnachten bekomme ich ne Starter-Jacke. Meine Schwester hört auf, mich zu vertreiben, wenn sie mit unten im Hof abhängt. Ich finde ihre Freundinnen interessant. Ich rauche meine erste Tüte auf dem Schulhof.
Ey, kannste mir zwei Mark leihen? Bekommste wieder, kennst mich doch. Was, du glaubst mir nicht? Willst du mich verarschen, Magger? Zeig ma Portmonee. Was, willst nich zeigen? Haste doch Kohle oda was? Belügst Du mich? Soll ich Dir eine klatschen oda was? Siehste, geht doch. Bekommste auch wieder.
Ich übe Rotzen. Die coolen Jungs rotzen überall hin, aber nicht so dünnen Sabber, sondern richtig dicke gelbe Dinger. Man kann auch Leute anrotzen.
Mit meinen Jungs im Park: Mesut hat Bier besorgt, Bier aus Dosen. Man muss bei den Schrebergärten zu Oma Vogel gehen, die verkauft an Jugendliche, nur teurer ist es. Wenn sie sich umdreht und bückt, kann man Hart-Alk zocken, wenn man schnell ist. Ein Stück weiter ist das „Negerhotel“. Hüttel zeigt mir, wie man den Zehner im Handschlag gegen Gras tauscht. Er hat einen Pager.
Zu Hause immer öfter Ärger. Aber mir egal, ich hab meine Jungs. Wir chillen auf dem Schulhof. Manchmal sind Parties von denen mit den großen Häusern von den Eltern, meistens wollen die uns nicht, aber wir kommen trotzdem. Irgendwer guckt immer komisch, irgendwer macht immer Ärger, spätestens, wenn wir den Mädels von hinten zwischen die Beine greifen. Dann gibt’s Schlägerei. Auffe Fresse halt. Bam – Bam –Bam, drei schnelle Dinger hintereinander, dann macht der andere erstma nix mehr. „Menace II Society“ und „Blood In, Blood Out“ kenn ich auswendig.
Die Jungs hängen weiter mit mir ab, obwohl es immer Sprüche gibt, weil ich Gymnasium gehe. Ich hab den dicken Murat, der bei uns vertickt, von der Mauer geboxt, nur weil die anderen meinten, dass ich mich nicht traue. Ein Ding und er ist hinten über gekippt. Nach der Schule leckt Patriczia dann mit mir rum, auffem Nachhauseweg. Der Trick mit den Mädels ist, das man die einfach schlecht behandeln muss. Nicht anrufen, die immer kommen lassen, bei Streit einfach abhauen, hat mir Mariusz erzählt, und der hat immer mindestens eine Alte am Start.
Manchmal findet man bei unserem Ticker Gras auf dem grauen Teppichboden. Arne hat mal unter dem Sofa ne ganze Blüte gefunden, durfte er behalten. Überall in meinem Zimmer jetzt Tabakkrümel, Grasreste, Asche. Der Bong steht hinterm Bett. Ich muss abends nur aufpassen und aus dem Fenster pusten. Freitags kommt Fett! MTV. Die besten Videos nehme ich auf, kann man auf Kassette überspielen. Ich habe die dicksten Tapes. Manchmal mach ich sie an, wenn ich bei wem im Auto mitfahren darf. Wir saufen auf dem Spielplatz, 1,5 Liter Cola zur Hälfte austrinken, dann den Korn rein. Oft ziehen wir einfach nur durch die Straßen mit zehn Mann und schauen, was passiert.
Ich habe mein Klamottengeld schon ausgegeben, als mein Gürtel kaputtgeht. Ich nehme einen Schnürsenkel. Ich kann jetzt Stempel nachmalen. Ich habe immer einen Edding dabei. Mein Skateboard hab ich wiederbekommen, weil Dariusz den Polen kennt, der es mir im Einkaufszentrum abgezogen hat. Meine Plattensammlung wird größer. Die Russen haben jetzt immer Wodka. In die Disko kommen wir nicht rein, deshalb hängen wir auf dem Parkplatz rum. Die reichen Deutschen haben Angst im Blick, wenn sie an uns vorbeimüssen. Ich komme auf die Oberstufe. Wir kaufen unser erstes Heck. Timo klinkt sich am Wochenende immer Teile und spielt dann Playstation. Wenn er nicht zu Hause ist, verkauft seine Mudder.
Knarre am Kopf. Ich kann sie nicht sehen, wegen der Kapuze vom Pulli. Echt oder Gas? Egal, wenn sie losgeht, bin ich mindestens blind. Meine eigene Gasknarre liegt zu Hause, aber nachdem ich erzähle, wen ich alles kenne, werde ich in Ruhe gelassen. Ich kenn einen, der behauptet, für 500 Mark ne Uzi besorgen zu können.
Irgendwann werde ich von einem Türken angelabert, der mich abziehen will. Ich würde ihm sein Geschäft wegnehmen. Ich kann mich rausreden. Später erfahre ich, dass er schon einmal einen Behinderten mit einem Messer aufgemacht hat. Ich sehe, wie stark ein Mensch bluten kann, wenn er mit dem Schlagring in den Nacken getroffen wird.
Ich brauche eine Waffe, denn ich verticke jetzt. Nicht von zu Hause, sondern immer unterwegs. Ich wiege die Päckchen immer zu 0,9 g ab, dafür bin ich ein bisschen billiger als die Anderen. Wenn man das Gras leicht anfeuchtet, merkt es keiner. Klaas hat schon Führerschein und einen hellblauen 3er BMW, weil er auf dem Dorf wohnt, er fährt mich rum, dafür bekommt er Gras. Unter dem Beifahrersitz liegt die Knarre, hinten die goldene Basi. Manchmal nehme ich einfach ein Taxi. Dann fliege ich doch zu Hause raus, n paar Tage wohne ich im Proberaum von Kumpeln, dann mal hier, mal da. Schließlich gibt mir das Sozialamt eine Wohnung. Meine Kumpels malen Bilder und Tags an die Wände.
Spätestens ab Mittag hängen alle bei mir rum. Manchmal habe ich die Schnauze voll und schmeiße alle raus. Manchmal klingelt mein neues Handy schon in der ersten Pause. Ich wechsele es alle zwei Monate, damit nicht zu viele Trottel mich belästigen. Wenn man abgehört wird, merkt man es am Echo. Man muss bei mir mindestens für 20 Mark kaufen, damit die nicht jeden Tag ankommen. Normal fürn 12er-Kurs, auf Kommiß fürn 15er. Ich habe die Waage so eingestellt, dass sie immer ein bisschen mehr anzeigt. Wenn die Plastiktütchen alle sind, nimmt man die Hüllen von Zigarettenschachteln. Wenn ich faul bin, lasse ich mein Klo gegen Gras putzen. Manchmal tausche ich auch Platten oder Tapes gegen Drogen, bei Frauen auch gegen andere Dienstleistungen. Man muss nur aufpassen, dass man den Albanern ihr Geschäft nicht wegnimmt, sonst gibt es Ärger. Einmal wollen die Bullen mich ficken, aber ich kann mit meinen Jungs viele überzeugen, nicht auszusagen. Ich schaffe es immer noch, zur Schule zu gehen.
Irgendwann höre ich auf mit dem Verticken. Ich arbeite am Wochenende an der Tanke, die Menschen sind ekelhaft. Am schlimmsten ist es sonntagmittags, wenn man verkatert hinter dem Tresen steht und die ersten Alkoholiker, die schon auf 10 Metern nach Korn und billigem Tabak stinken, 10 Dosen Bier und drei Magenbitter kaufen. Ich ziehe die Schule durch.
Heute erscheint es mir so, als ob dies alles unglaublich weit hinter mir liegt. Ich bin in einer anderen Stadt, studiere, komme klar. Wenn ich mal in meine Heimatstadt komme, kriege ich immer noch Respekt, jeder kennt mich, die Stadt fühlt sich wie ein altes Kleidungsstück an, irgendwie ekelig und abgewetzt, aber vertraut und gemütlich. Viele von früher sind gescheitert, betreutes Wohnen, Psychiatrie, geflohen vor Drogenschulden, arbeitslos. Wenn Freunde von früher mich besuchen, erzählen wir uns Stories, die meinen neuen Freunden mit ihrer behüteten Jugend Angst machen. Sie können nicht darüber lachen, wenn wir uns erzählen, dass ein Asi von früher einem Anderen das Schwert von der Wand in den Körper gesteckt hat, weil er drauf und genervt war. Oder dass ein Anderer versucht hat, mit einer Spritze den Plus auszurauben. Meinem Nachbarn breche ich im Aufzug den Kiefer, als er mich blöde volllabert.
Es ist immer noch in mir drin. Ich weiß, wann ich die Straßenseite zu wechseln habe, wenn mir drei Leute entgegenkommen, nicht zu früh, nicht zu spät. Ich weiß, wie ich zu laufen habe, wenn ich in bestimmten Vierteln bin. Ich weiß, wie lange ich die anderen anzusehen habe, nicht zu kurz, nicht zu lang, und immer mit der Botschaft, dass ich bereit bin für Stress. Ich sehe, wer Opfer ist, wenn man abziehen kann. Ich sehe, wer Ärger machen will im Klub. Ich sehe, wer es drauf hat, vor wem man Respekt haben muss, ich sehe, wer nur rumpost. Nur brauche ich dieses Wissen nicht mehr.
Quelle:
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/383380
LG Phoenix