Zum Thema Lidl und die Tafeln
Ich habe heute 50 Cent gespendet und fühle mich als Wohltäter. Aber ist dieses Gefühl tatsächlich gerechtfertigt? Ich habe einen alten Text des umstrittenen Philosophen Peter Singer* gefunden, der Zweifel an meiner Wohltätigkeit aufkeimen lässt. Die nachfolgende Argumentation orientiert sich an besagtem Text.
Beginnen wir mit der Annahme, das Nahrungsmittelmangel, Obdachlosigkeit und alle daraus resultierenden Konsequenzen etwas Schlechtes sind. Ich denke, diese Annahme ist konsensfähig und muss nicht weiter begründet werden.
Weiterhin möchte ich behaupten, dass es moralisch geboten ist, etwas Schlechtes zu verhindern, wenn dies in unserer Macht steht, ohne dass wir etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung opfern müssen. Zur Illustration bemüht Singer folgendes Beispiel:
„Wenn ich an einem seichten Teich vorbeikomme und ein Kind darin ertrinken sehe, so sollte ich hineinwaten und das Kind herausziehen. Das bringt zwar mit sich, dass meine Kleider schmutzig und nass werden, aber das ist bedeutungslos, wohingegen der Tod des Kindes vermutlich etwas sehr Schlechtes wäre.“
Aspekte der Nähe und Distanz spielen für diese These keine Rolle.
Wenn wir irgendein Prinzip der Unparteilichkeit, Universalisierung, Gleichheit oder dergleichen akzeptieren, können wir einen Menschen nicht benachteiligen, nur weil er sich weit weg von uns befindet (oder wir uns weit weg von ihm).
Auch die Tatsache, dass es Millionen anderer Menschen gibt, die helfen könnten, ist hier nicht von Bedeutung.
Sollte ich etwa der Meinung sein, dass ich weniger dazu verpflichtet bin, das ertrinkende Kind aus dem Teich zu ziehen, wenn ich andere Menschen sehe, nicht weiter entfernt als ich, die das Kind ebenfalls bemerkt haben und keine Anstalten machen einzugreifen?
Ich denke, diese beiden Annahmen lassen sich auch auf die Spendenkampagne vom Bundesverband Deutscher Tafeln e.V. und Lidl übertragen. Die von den Tafeln gespendeten Lebensmittel sollen etwas Schlechtes verhindern und ich kann mit meiner Pfandspende dazu beitragen, ohne etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern.
Folgt man dieser Argumentation, wird klar, dass ich kein Wohltäter bin. „Die traditionelle Unterscheidung zwischen Pflicht und Wohltätigkeit kann nicht gemacht werden oder zumindest nicht so, wie wir sie normalerweise machen“, denn wo bleibt meine Pflicht?
Meine Spende ist in diesem Sinne weder wohltätig noch großzügig. Es ist schlicht und einfach meine Pflicht und es wäre moralisch falsch es nicht zu tun. by Daniel Drungels
*Singer, Peter: Hunger, Wohlstand und Moral. In: Bleisch, Barbara/ Schaber, Peter (Hrsg.): Weltarmut und Ethik. Mentis Verlag. Paderborn. 2007. S.37-53.
ich finde den Text bedenkenswert und bin der Meinung, dass die dort beschriebene Intention, Hilfe zu leisten, ein ziemlich guter Ansatz ist. Auch und gerade ganz unabhängig von den Lidl-Kampagnen.
Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass Lidl solche Kampagnen macht, um das ziemlich schlechte Image nach den Personalskandalen wieder aufzupolieren, so kann ich es dennoch positiv sehen - damit wird immerhin Vielen die Möglichkeit geboten, einen kleinen Teil beizutragen und schnell und unbürokratisch zu helfen. Es wäre schön, wenn diese Möglichkeit zahlreich genutzt würde - und das mit der Selbstverständlichkeit, die oben im Text beschrieben wird.
lg, doro